EXTREM-EXTREM 2019

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Es gibt Wanderevents, es gibt herausfordernde Wanderevents und es gibt EXTREM-EXTREM im Sauerland.

Wer sein Event EXTREM-EXTREM nennt, muss auf jeden Fall etwas Richtung „Grenzerfahrung“ bieten, um auch wirklich ernst genommen zu werden.

EXTREM-EXTREM bietet so etwas und noch vieles mehr.

Here we go …

Der EXTREM-EXTREM 2019 warf seine Schatten bereits kurz nach meiner 2018er-Teilnahme voraus.

„Das mache ich auf jeden Fall nochmals!“ stand sehr schnell fest, nachdem die gröbsten, schmerzhaften Nachwirkungen meiner 2018er-Teilnahme abgeklungen waren.

Ich nahm – wie letztes Jahr – den elterlichen Fahrdienst in Anspruch und organisierte im Gegenzug die Buchung eines Pensionszimmers, da meine Eltern von Donnerstag bis Samstag vor Ort in Willingen bleiben wollten.

Die Wahl der Unterkunft fiel auf PENSION FERNBLICK.

Ausblick Pension Fernblick
Ausblick von Pension FERNBLICK

Wie sich herausstellte war dies ein Glücksgriff. Die Pension liegt ca. 3 km vom Willinger Trubel entfernt, wird von einem sehr netten Ehepaar betrieben, verfügt über ein klasse Preis/Leistungsverhältnis und man hat wirklich einen sensationellen Ausblick/Fernblick. Hier ist der Name FERNBLICK wirklich Programm …

Der Start- und Zielpunkt des EXTREM-EXTREM 2019 ist dieses Jahr das Besucherzentrum in Willingen.

Start und Ziel des EXTREM-EXTREM 2019

Klaus Hamel, Andrew Kesper und ihr tolles Team haben wieder einmal alles perfekt auf die Beine gestellt.

Bis 15:40 Uhr kann man das Veranstaltungs-Shirt abholen, sein obligatorisches Startbändchen fürs Handgelenk erhalten, Gepäck deponieren und sich entspannt mit dem Orga-Team unterhalten.

  

Orgateam EXTREM-EXTREM
Klaus Hamel (vorne) und Andrew Kesper im Gespräch

Nach einem kurzen Briefing wegen kurzfristiger Streckenänderungen – Bienenvölker haben schließlich etwas Ruhe vor uns Wanderern verdient – und anderer organisatorischer Dinge, geht es pünktlich um 16:00 bei strahlendem Sonnenschein los.

Noch schnell ein Bild mit Mum and Dad und dann startet mein diesjähriges Sauerland-Abenteuer.

Zunächst einmal verlassen wir die Willinger Gefilde.

Nach ein paar Kilometern wartet der Langenberg mit seinen 843 m Höhe auf uns.

Schmale Pfade hinauf zum Langenberg

Psychologisch ist es auf jeden Fall von Vorteil die höchste Stelle der 157 km langen Strecke bereits auf den ersten 10 Kilometern in Angriff zu nehmen. Noch läuft es sich fluffig leicht …

Gegen 17:30 Uhr erreiche ich den Gipfel des Langenbergs und nehme mir etwas Zeit, um die wunderbare Umgebung in mich aufzusaugen.

Die Gegend ist einfach wunderschön und lädt förmlich zur Rast ein.

Das Thema „Zeit“ hat bei meiner diesjährigen Teilnahme eine Änderung erfahren. Letztes Jahr, bei meiner EXTREM-EXTREM-Premiere,  lief ich den Großteil der ersten 100 Kilometer mit Joerg König, einem äußerst erfahrenen Ultraläufer und Langstreckenwanderer. Das war einerseits sehr interessant und motivierend, aber andererseits einfach zu schnell für mich. Bei Kilometer 125 stieg ich 2018 verletzt aus. Der 2018er-Bericht findet sich hier.

Zumindest dieser Tempo-Fehler soll mir dieses Jahr nicht passieren. Daher lautet mein 2019er-Motto:

HEITERE GELASSENHEIT – EILE MIT WEILE

Der erste Verpflegungspunkt (VP) befindet sich bei km 22 (Usseln, Graf Stollberghütte).

Gegen 20:00 Uhr trudele ich dort ein und ein Hauch von Gulaschsuppe steigt mir in die Nase.

Klaus Hamel lässt es sich an diesem VP nicht nehmen, unsere Ankunfts- und Aufbruchszeit zu notieren.

Das wird übrigens an jedem VP gemacht – allerdings nicht immer höchstpersönlich von Klaus … 😉

Nachdem die Getränkevorräte aufgefüllt sind, geht es auf dem Uplandsteig weiter Richtung des zweiten VP in Goldhausen bei Kilometer 41.

Einfach traumhaft, oder?

Das Licht des langsam schwindenden Tages  sorgt für ein tolles Farbenspiel und lässt die ohnehin traumhafte Gegend noch mehr erstrahlen.

Einzelne Teilstücke der Strecke erfordern ein wenig Aufmerksamkeit, da schweres Gerät der Forstarbeiter seine Spuren hinterlassen hat.

Immer mal einen Blick auf den Boden riskieren …

Gegen 22:30 Uhr schwindet das Licht des Tages und Dunkelheit empfängt uns.

Die Stirnlampe wird aufgesetzt und ich folge weiter meinem GPS-Track.

Kleiner Exkurs: Navigation

Der EXTREM-EXTREM ist hinsichtlich der Wegführung wirklich vorbildlich ausgestattet.

Die Markierungen des Veranstalters variieren zwischen:

 

Auf einzelnen Teilstücken folgt man den Beschilderungen der offiziellen Wanderwege.

Zusätzlich kann man sich den GPS-Track der Strecke herunterladen.

Sollte man dann wirklich mal vom Weg abkommen, so handelt es sich meiner Meinung nach meistens um eigenes Verschulden durch Unachtsamkeit.

Grundsätzlich gilt in Wanderkreisen : UMWEGE erweitern die Ortskenntnis 😎

Zurück zur Dunkelheit

Ich wandere sehr gerne in der Dunkelheit – zumindest solange die Müdigkeit nicht das Steuer im Körper übernimmt und die inneren Schweinehunde weckt.

Um 23:40 Uhr erreiche ich den 2. VP in Goldhausen.

Wir haben mittlerweile 41 Kilometer in den Beinen und wer möchte, kann sich mit Leberkäse und Kartoffelsalat für den weiteren Marsch durch die Sauerländer Nacht rüsten.

Zu diesem Zeitpunkt fühle ich mich noch topfit und freue mich bereits auf das anstehende Wandergebiet am Edersee. Der nächste VP befindet sich bei Kilometer 56 in Herzhausen. Bis dahin sind es aber noch 3 Stunden durch die sternenklare Nacht.

Ab 1:30 Uhr macht sich langsam aber sicher Müdigkeit in mir breit und auch mein Appetit schwindet immer mehr. Irgendwie fühlt sich der Magen flau an und ich kann mich nicht dazu durchringen etwas zu essen. Auch das Trinken fällt mir immer schwerer. „Das geht gleich wieder vorbei – spätestens wenn das Tageslicht wiederkommt!“ mache  ich mir Mut und trotte weiter des Weges.

Um kurz vor 3:00 Uhr erreiche ich den VP in Herzhausen.

Wenn mein Magen mitspielen würde, könnte ich hier eine leckere Kartoffelsuppe und ein Bockwürstchen essen, jedoch ist mein Magen ein Spielverderber.

Wir befinden uns nun in unmittelbarer Nähe des Edersees. Das verspricht einige anspruchsvolle Kilometer auf dem Kellerwaldsteig und Urwaldsteig.

„Jetzt erst einmal zum VP bei Kilometer 74!“ sage ich mir und nehme wieder die Strecke des EXTREM-EXTREM unter die Füße.

In den frühen Morgenstunden erreiche ich den Edersee.

In den letzten Stunden hatte ich anstrengende Gefechte mit meinen inneren Schweinehunden auszutragen und fasste bereits den Plan am nächsten VP auszusteigen.

Doch nun, bei einsetzendem Tageslicht, kehren die Lebensgeister zurück in den Körper und auch die mentalen Schatten verschwinden ein wenig aus der Seele.

Erwähnenswert ist auf jeden Fall der Urwaldsteig am Edersee. Nach einer zähen Nachtpassage erfordert er stellenweise schon erhöhte Aufmerksamkeit, da man sich auf sehr schmalen Pfaden an Steilhängen entlang bewegt.

 

Solche Passagen lassen das Herz eines Wanderers aber auch höher schlagen, da hier eine besondere Würze in die Wanderung kommt.

Gegen 7:15 Uhr trudele ich im VP Herzhausen (km 74) ein. In der letzten Stunde meldete sich zum Glück wieder mein Appetit zurück und ich stürze mich gleich auf die verführerisch duftenden Nudeln Bolognese.

Welch ein kulinarischer Genuss am frühen Morgen. War dat lecker …👍

Zwei  Portionen später sieht meine kleine Wanderwelt schon wieder viel rosiger aus.

Ich lege meine weitere Taktik fest: „Von nun an nur noch von VP zu VP denken!“

Da der Edersee nun hinter uns liegt, geht es wieder zurück nach Goldhausen.

„Wenn Du in Goldhausen bist, sind bereits 93 km eingesammelt. Los geht’s …“

Unterwegs begegnet mir ein Schild, welches genau die Art und Weise zum Ausdruck bringt, wie man an den EXTREM-EXTREM herangehen sollte.

„Blief gesund un kumm balle mool wedder

Mittlerweile haben sich die frühmorgendlichen Wolken verzogen und die Sonne begrüßt uns.

Sonne pur …

Den Wald haben wir zunächst einmal hinter uns gelassen und bewegen uns stattdessen durch eine recht ebene Feld- und Wiesenlandschaft.

 

Kurz vor dem VP in Goldhausen wartet nochmals ein knackiger Anstieg in der Mittagshitze. Dann ist auch Kilometer 93 gemeistert und bei belegten Brötchen und einem Käffchen werden die Depots wieder aufgefüllt.

Dafür, dass ich in den frühen Morgenstunden noch über einen Ausstieg bei km 74 nachgedacht habe, läuft es sich augenblicklich eigentlich ganz gut.

Nächstes Ziel: VP in Rhena bei Kilometer 103

Nach meinem Aufbruch in Goldhausen wird es eine sehr einsame Wanderung für mich.

Das Feld hat sich enorm auseinandergezogen und an einigen Verpflegungspunkten entscheidet sich mancher Teilnehmer zu einer Schlafpause oder auch einem kompletten Ausstieg.

Bei einem Ausstieg wird man übrigens von einem Shuttle-Service am Ausstiegspunkt abgeholt und zum Start-Zielpunkt zurückgebracht – in diesem Jahr halt nach Willingen. Das ist wirklich ein ganz toller Service, der auch ein wenig die Gefahr reduziert, dass sich Teilnehmer über Gebühr belasten und es zu unschönen Situationen für den Teilnehmer und den Veranstalter kommt.

Jeder wandert seinen eigenen EXTREM-EXTREM – bei den Finishern sind es die kompletten 157 km, bei anderen Teilnehmer halt 74, 103 oder andere Streckenlängen.

Die fordernde Strecke und auslaugende Wärme fordern langsam aber sicher ihren Tribut.

Als ich den VP in Rhena bei Kilometer 103 erreiche, zeichnet sich bei mir ab, dass auch mein diesjähriger EXTREM-EXTREM nicht über die volle Distanz gehen wird.

In Rhena esse ich 2 leckere Stückchen Kuchen und fülle meinen Cola und Wasservorrat wieder auf.

„Jetzt 11 Kilometer bis zum VP Adorf und dann hörst Du mal ganz tief in Dich hinein.“

Mit diesem Vorsatz geht es gegen frühen Nachmittag wieder auf die Strecke.

Auf den folgenden 11 Kilometern begegnet mir exakt ein einziger anderer Teilnehmer. Ansonsten habe ich die wundervolle Gegend für mich alleine.

Langsam aber sicher halten die Schmerzen Einzug in den Körper und auch die Power ist raus. Langsamen Schrittes laufe ich in Adorf ein und erreiche den VP, der sich direkt neben einer Tankstelle befindet und nicht zu verfehlen ist.

Ich setze mich erst einmal auf eine Bank und gönne mir eine Wurst mit ordentlich Senf und ein Brötchen.

„Wie geht es weiter? Ausstieg oder zum nächsten VP?“

Diese beiden Fragen kreisen in meinem Kopf herum, während ich an meiner Wurst knabbere.

Der nächste VP liegt bei Kilometer 135. Das sind 21 Kilometer, die es auch vom Höhenprofil her nochmals in sich haben, da man auf dem Diemelsteig und am Diemelsee unterwegs ist.

Plötzlich werden meine Überlegungen unterbrochen und mir meine Entscheidungsfindung erleichtert.

Klaus Hamel betritt die Halle und hat bereits einen „Aussteiger“ bei sich.

Plötzlich höre ich mich sagen: „Hallo Klaus, ist bei Dir im Auto noch ein Plätzchen frei?“

Damit wäre auch das geklärt …😏

Auf dieses Signal hat mein Körper gewartet. Nun werden alle Pforten geöffnet und die Erschöpfung darf sich ungehemmt ihren Weg durch meinen Körper bahnen.

Gerade als wir losfahren wollen, gesellt sich noch ein Teilnehmer zu uns, der hier – bei km 114 – ebenfalls aussteigen will.

So füllt sich der Wagen von Klaus langsam aber sicher und die Rückfahrt nach Willingen lohnt sich wenigstens.

Im Besucherzentrum Willingen, wo vor über 26 Stunden mein diesjähriges EXTREM-EXTREM-Abenteuer begann, setze ich mich erst einmal zufrieden auf die Terrasse und löse meinen Verzehrgutschein ein.

Neben mir sitzen 2 Teilnehmer für die der EXTREM-EXTREM ebenfalls beendet ist, allerdings haben sie es fertig gebracht die kompletten 157 km in 25 Stunden zu bewältigen.

Absoluter WAHNSINN und RESPEKT vor dieser grandiosen Leistung!

Kleiner Farbtupfer irgendwo von unterwegs …

Als krönenden Abschluss bietet ein äußerst netter Mitorganisator an, mich noch schnell zur Unterkunft meiner Eltern zu bringen, damit ich kein Taxi rufen muss. Tausend DANK lieber Andrew!!!

Auch das ein Beweis dafür, um was für ein außergewöhnliches Event es sich beim EXTREM-EXTREM handelt.

So erreiche ich gegen 20:00 Uhr die PENSION FERNBLICK, dusche schnell und falle todmüde aufs Bett.

Bevor mich der wohlverdiente Schlaf empfängt, schleicht sich noch ein Lächeln in mein Gesicht.

„War das wieder ein tolles Erlebnis!“

Es folgen 11 Stunden Tiefschlaf.

Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass die gestrige Entscheidung des Ausstiegs bei km 114 goldrichtig war. Mein Gangbild ist zwar etwas unrund, aber es ist nichts verletzt und ich bin eigentlich schon wieder prima erholt.

Mir kommt das gestrige Schild wieder in den Kopf.

„Blief gesund un kumm balle mool wedder“

Ich bin gesund geblieben und natürlich komme ich bald wieder. Daher habe ich mich auch sofort für 2020 angemeldet. 😀

Wir sehen uns also in 2020 (18.06. bis 20.06.2020) zur 4. Auflage des EXTREM-EXTREM wieder.

Zum Abschluss noch ein großer Dank an Klaus Hamel, Andrew Kesper und alle anderen tollen Mitstreiter:

Auch dieses Jahr bin ich wieder absolut begeistert, mit welchem Elan, welcher Freundlichkeit und welcher Hilfsbereitschaft Ihr dieses Event zu etwas ganz Besonderem und Einzigartigem in der Wanderszene macht.

Liebe Grüße,

Karsten (DerSchulle)

 

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